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10Sep/200

Mein Kommentar zu „Is Historical Wargaming Dying Out?“

Der US-amerikanische Youtube-Kanal Little Wars TV stellt die Frage, "Is historical wargaming dying out?" - stirbt historisches Tabletop aus?

Also zum einen ist es aus meiner Sicht ein eher ungewöhnlicher Zeitpunkt diese Frage zu stellen, denn der Veranstaltungskalender nicht nur für historisches Tabletop ist quasi leer. Aber nicht nur das, auch der recht enthusiastische Artikel der Zeitschrift The Economist über das Wachstum im Lead Belt spricht von einer guten Marktsituation - und das nicht nur für Games Workshop.

Ich denke die Annahme stammt aus dem primär us-zentrischen Blickwinkel des Fragestellers. Nicht nur ist die aktuelle Situation eine andere in den Vereinigten Staaten als in Europa (und auch innerhalb Europas), aber insgesamt hat man auch einen anderen Ansatz zu (Teilbereichen) des Miniaturenhobby. Das fällt z.B. bei den Veranstaltungen auf, die in den Staaten häufig in Hotels stattfinden und die Teilnehmer auch Inlandsflüge dafür in Kauf nehmen. Die einzigen Veranstaltungen in Europa die in Hotels stattfinden, die mir aus dem Stehgreif heraus einfallen, sind z.B. die Scale Model Challenge, und bisher einmalige Gastspiele wie das Warhammer Fest Europe 2018 oder eine der Warmachine/Hordes Meisterschaften in Frankfurt. Europäische Veranstaltungen finden häufig in Gemeindehäusern statt, mit Ausnahme der wirklich großen Events. Und das führt natürlich auch zu einer anderen Größe der Spiele bzw. Veranstaltungen die umgesetzt werden. Diese Unterschiede merkt man z.B. auch bei Uncle Atom, da die Themen oder Probleme die er anspricht, sich nicht immer auf unsere Seite des Teichs übertragen lassen (dominante Regelsysteme, Verfügbarkeit von Kickstartern usw.).

Zuallererst muss man sich eine Sache bei Tabletop vor Augen führen, die gerne von denen die bereits im Hobby sind vergessen wird - es hat eine ungemein hohe Einstiegshürde verglichen mit anderen Hobbies. Ja, andere Hobbies haben auch hohe Einstiegshürden, aber diese sind häufig an Ausstattung gebunden und das kann nicht selten finanziell behoben werden. Ja, man kann vorbemalte Miniaturen kaufen, fertiges Gelände und so weiter, aber das ist auch nicht so einfach wie man vielleicht meint. Ich möchte aber auch gar nicht soweit abdriften und einfach mal Tabletop mit Produkten vergleichen die man in den gleichen Lokalen kaufen kann. Nehmen wir mal an, es gibt an einem Freitag Abend eine Veranstaltung in einem solchen Laden. Mit Trading Cards kann man eine halbe Stunde vor Beginn dort auftauchen, ein Deck und paar Booster kaufen und an der Veranstaltung teilnehmen. Bei Brettspielen sollte man etwas früher auftauchen, eine halbe Stunde bis Stunde einplanen um alles vorzubereiten (Marker aus Druckbögen lösen, Tokens und evtl. Modelle zusammenbauen) und hat dann ein in sich geschlossenes Spiel. Aber für Miniaturenspiele? Sofern man nicht gerade auf Spiele wie Warhammer Underworlds (was technisch gesehen auch eher ein Miniaturenbrettspiel ist) wo man mit vorgefärbten Modellen in 2 Stunden Vorlauf spielfertig ist, liegt der Vorlauf eher mal bei 2 Wochen mit intensiver Arbeit.

  • Abstimmen des Regelwerks und Maßstabs
  • Regelwerk und Miniaturen erwerben
  • Werkzeug, Kleber, Pinsel und Farben erwerben, die zum Zusammenbau und Bemalen der Miniaturen benötigt werdens
  • Sofern die Spielstätte nur die Tische zur Verfügung stellt, eben auch eine Spielplatte mit Geländestücken bereitstellen
  • Transport der Armee und des Spielzubehörs zur Spielstätte (etwas aufwändiger als ein Kartenspiel oder eine Brettspielbox)

Wir blenden jetzt auch mal bewusst, den potenziellen Umsatz pro Regalmeter aus, den verschiedene Produkte für den Ladenbesitzer erzeugen können. Denn das fällt nicht zu Gunsten unseres Hobbies aus.

Der größte Unterschied zwischen historischem Tabletop und den Marktführer(n) - und auch der Hauptgrund zusätzlich zu den oben genannten Gründen warum es schwieriger ist ins historische Tabletop verglichen mit Fantasy oder Sci-Fi anzufangen - Komfort / Convenience. Dave von The Wargaming Company hat es im Video bereits genannt und die Lücke ist hier besonders groß, wenn man z.B. das gewohnt ist was Games Workshop bietet. Im historischen Tabletop bekommt man seine Regeln von Thomas, die Miniaturen bei Michael, kauft Banner und Bases von Georg und die Bücher und anderen Informationen noch bei wem anders. Warlord Games ändert das im historischen Bereich, da hatte man erst mit 28mm z.B. für 2. Weltkrieg und Napoleonischen Kriegen angefangen und ist von dort aus in "exotischere" Bereiche wie See- oder Fliegerspiele, und das auch weit über 28mm hinaus. Stronghold Terrain bietet in Deutschland etwas ähnliches für SAGA an. Man kriegt hier das übersetzte Regelwerk, dazu passende Modelle der verschiedenen Hersteller von Gripping Beast, Footsore und V&V, passend als Kriegerbanden, die sogar Basezubehör abdecken. Sie sind natürlich nicht die ersten die eine breite Auswahl an historischen Modellen anbieten, hier war z.B. Northstar schon lange am Markt, oder in Deutschland eben Battlefield Berlin und Miniaturicum, aber das "McDonalds Sparmenü" wo man nicht lange überlegen muss und sich alles einzeln bestellt, sondern direkt eine Beilage und Getränk zu seinem Burger bekommt, macht es eben deutlich einfacher eine Wahl zu treffen. Insbesondere wenn man noch gar nicht weiß, was man eigentlich braucht. Und das ist etwas, was gerade jüngere Spieler gewohnt sind.

Außerdem fehlt historischen Tabletop etwas, das andere Spielsysteme anbieten - Einsteigerfreundliche Spiele. In den frühen Tagen des Tabletops sind einige Spieler - besonders im historischen Tabletop - über Modellbausätze von Firmen wie Airfix oder Revell ins Hobby gekommen, auf der Suche nach Regeln um Szenarios oder Spiele zwischen ihren Platoons oder Regimentern durchzuspielen. In meiner Generation, also denen die in den 90ern angefangen haben, sind es häufig die Einsteigerspiele und Kooperationen von Citadel / Games Workshop mit MB Spiele gewesen, die zum Hobby geführt haben. Wir sprechen hier von Heroquest, Claymore Saga und Space Crusade. Heute werden diese Produkte ungemein gut produziert und platziert, aber auch weiterhin primär von Games Workshop. Es gibt hier Underworlds, Warcry, die Conquest Magazine Reihe und kleine "mundgerechte" Einsteiger Pakete um mal hinein zuschnuppern. Obwohl historisches Tabletop insgesamt günstiger ist als eine Warhammer-Armee, gibt es hier einfach keine 30 EUR Einsteigersets für Napoleonische, Antike oder Mittelaltersettings.

Und wenn man sich dann weiterhin noch Gedanken um den Nachwuchs des historischen Tabletop macht, gibt es hier nach der hohen Einstiegshürde und geringerem Komfort dann noch das nächste Problem. Ob man es jetzt "Elitismus", "Gatekeeping" oder sonst wie nennt, es macht es einfach schwieriger sich historischem Systemen verglichen mit fiktiven Spielen anzuschließen. Manche Leute die ich im historischen Tabletop kennengelernt habe, sind unglaublich schlechte Werbung für das Hobby als solches. Knöpfchenzähler und übertrieben pingeliges Verhalten gegenüber neuen. Da werden falsche Uniformfarben, schlecht recherchierte Streitkräfte und so weiter harsch kritisiert und Personen unter 30 als Kiddies abgetan. Bedenkt dass für viele der einzige Kontakt mit historischen Geschehnissen in der Schule oder den breiten Medien stattgefunden hat, und das entsprechend eingekocht und oberflächlich ist. Also mal entspannt mit Leuten umgehen, die Römer nur aus Asterix kennen, den zweiten Weltkrieg aus World of Tanks und mit Napoleon nur langweiligen Geschichtsunterricht verbinden. Die Leute sind schon weit aus der Komfortzone gekommen um sich überhaupt soweit mit unserem Hobby zu befassen, da sollte man etwas offener sein. Denn es ist für die Spieler auch deutlich einfacher, bei den Weltraumsoldaten und Aliens zu bleiben, als sich ins historische einzuarbeiten.

Also alles in allem schätze ich historisches Tabletop fern ab vom Tod. Es gibt eine breite und weiter wachsende Auswahl an Kunststoffbausätzen, mehr professionelle Hersteller, deutlich attraktiv gestaltete Regelwerke und alles deutlich einfacher erhältlich als noch vor 10 Jahren. Wenn das kein Grund ist, sich darüber zu freuen, dann weiß ich es auch nicht.

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Autor Info's mit anzeigen Dennis B.

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